Cannabis-Psychose
DELTA – 9 – TETRA – HYDRO – CANNABINOL
Ein Erfahrungsbericht und medizinische Hintergrundinformationen
Sven wurde am 23.12.1964 geboren. Seine Eltern waren glücklich über dieses vorgezogene Weihnachtsgeschenk. Kurz zuvor hatten sie ein kleines Haus aus Backsteinen in der Vorstadt einer schleswig-holsteinischen Hafenstadt gebaut und bezogen.
Die Häuser ähnelten sich sehr, die Gärten hatten die gleiche Größe, so konnte kein Neid entstehen. Man lud die Nachbarn zu Geburtstagen und anderen Feierlichkeiten ein. Fast alle hatten ein bis zwei Kinder in Svens Alter.
Sven ging in den nahen Kindergarten, besuchte danach die Grund- später die Realschule. Seine Leistungen waren nicht gut, aber auch nicht schlecht, vor den Sportstunden hatte er immer etwas Angst. Er war leicht übergewichtig, lernte später als die meisten anderen Kinder in der Nachbarschaft mit dem Rad zu fahren. Statt nachmittags mit den anderen Fußball zu spielen oder auf den glatt geteerten Straßen des Viertels Rollschuh zu laufen, spielte er lieber mit seiner Carrera -Bahn, leider meistens alleine.
Seine Eltern waren ruhige Menschen, nie gab es ein lautes Wort. Sven bekam täglich ein warmes, von der Mutter gekochtes Mittagessen, abends gab es belegte Brote. Danach spielte die Familie „Kniffel“ oder „das Spiel des Jahres“, das Sven jedes Mal zu Weihnachten bekam. Am Wochenende sah man zusammen im Fernsehen Quizsendungen.
Mit 12 oder vielleicht auch erst mit 13 Jahren begann er sich für die Mädchen der Gegend zu interessieren. Heimlich schaute er ihnen nach, traute sich aber nicht sie anzusprechen. Er sah, wie andere Jungs offensiver waren, sich zwar zunächst lautstark über die Mädchen lustig machten, dann leiser wurden und später oft mit dem Mädchen zusammen gesehen wurden, über das sie am meisten gelästert hatten.
Sven kleidete sich eher konservativ, er ließ sich noch lange von der Mutter in Fragen der Bekleidung beraten. Statt eines abgetragenen Parka aus dem Armeeshop, wie die meisten seiner Mitschüler, trug er farbige Kapuzenanoraks, die Haare waren kürzer geschnitten, als die seiner Mitschüler. Mit 16 Jahren ließ er sich ohne Wissen seiner Eltern einen kleinen Totenkopf auf den rechten Oberarm tätowieren.
Sven wurde nicht aufgeklärt, er bezog seine Informationen über die Geschlechter aus Büchern seiner Eltern, leider gab es da nicht viel zu lesen, oder aus Fernsehfilmen, die er sich anschaute, wenn seine Eltern mal wieder irgendwo eingeladen waren. Gelegentlich gab es in der Gegend Altpapiersammlungen, und eines Tages fand Sven einen Stapel Männermagazine, die er getarnt unter anderen Zeitungen mit nach Hause nahm, und dort in seinem Zimmer versteckte. Seine Mutter hatte plötzlich Mühe, ihn morgens zu wecken, sie wusste natürlich nicht, dass er nächtelang in den Magazinen blätterte, sich die vielen Bilder wohlgeformter Frauen anschaute und so langsam eine Vorstellung davon bekam, wie Sexualität wohl funktionieren könnte.
In der Schule gab es eine Gruppe Jungs, die zu rauchen begannen, zunächst heimlich, später auch offen in einer Ecke des Schulhofs. Die Lehrer sahen meistens darüber weg, sie rauchten ja ebenfalls, selbst der Sportlehrer. In dieser Gruppe ging es oft sehr lustig zu, man alberte herum und kicherte, musste in der Schulstunde oft energisch ermahnt werden endlich ruhig wieder dem Unterricht zu folgen. Sven suchte den Kontakt zu dieser Gruppe, die von ihm keine sportlichen Leistungen erwarteten, wie die anderen Jungs, die in der Pause Tischtennis oder Dosen-Fußball spielten.
Er rauchte seine erste Zigarette, hustete, fand, dass es scheußlich schmeckte, trainierte das Rauchen nachmittags so lange, bis es in seinen Augen so lässig aussah, wie bei den anderen. Manche Jungs rauchten jetzt einen Stoff, der ganz anders roch wie gewöhnlicher Tabak, und der offensichtlich wesentlich für die erstaunlich gute Stimmung seiner Konsumenten sorgte.
Als Sven angeboten wurde, auch mal an so einer selbstgebauten Zigarette zu ziehen, sagte er nicht „Nein“, sog den Rauch besonders tief ein, und auf Geheiß seiner neuen Freunde behielt er ihn mehrere Sekunden in seiner Lunge, bevor er ihn langsam wieder nach draußen entließ, wie er es bei den Anderen beobachtet hatte.
Ihm wurde schwindelig, auch etwas schlecht, er ließ es sich aber nicht anmerken.
Seine Freunde boten ihm jetzt öfter an, ein oder zwei Züge von der besondere großen Zigarette zu inhalieren, was sie aber nur ganz speziellen Mitschülern anboten. Sven war stolz, zu den Auserwählten zu gehören. Man erzählte ihm, der Tabak sei mit einem besonderen Stoff gemischt, den es bisher nur im Orient gegeben habe, der jetzt auch in vielen Ländern Europas zu bekommen sei. Sven hörte jetzt erstmals das Wort Haschisch. Im Brockhaus seiner Eltern las er, dass es ein Rauschmittel sei, dass die Menschen vieler Länder in Afrika und Asien seit Tausenden von Jahren benutzten zu Feierlichkeiten und religiösen Anlässen. Wenn seine Eltern Besuch hatten, trank man Bier oder Wein, „in anderen Ländern raucht man eben Haschisch, dass kann ja wohl nicht so schlimm sein,“ dachte Sven.
Je öfter er rauchte, desto deutlicher spürte er eine angenehme Wirkung des Haschisch-Tabak Gemisch. Er wurde innerlich gelassener, eine gewisse Heiterkeit erfasste ihn, über Späße der Anderen konnte er laut lachen, was er sich sonst nie getraut hatte. Ihm war jetzt egal, was andere von ihm dachten, traute sich sogar die Mädchen offen anzuschauen, auch mal einen Satz hinüber zu rufen, von dem er fest annahm, dass er witzig sei. Diese angenehme Wirkung hielt meist ein paar Stunden an, dann wurde er müde, schlief zu Hause oft schon nachmittags ein, konnte dann aber nachts nicht schlafen. Er besorgte sich selbst Haschisch, rauchte es am offenen Fenster, wenn seine Eltern schliefen. Er konnte so wieder einschlafen, war morgens aber hundemüde.
In der Schule wurde seine Leistungen schlechter, er war unkonzentrierter, behielt nur noch wenig von dem, was die Lehrer erzählten. Er blieb zweimal sitzen, verließ die Schule ohne Abschluss. Seine Eltern machten sich um die Zukunft von Sven große Sorgen, sie waren rat- und hilflos, hatten das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, wussten aber nicht, was.
Sven entdeckte auf der Suche nach neuen Haschisch- Lieferanten die „sündige Meile“ wie es von seinen Eltern genannt wurde, des Hafens seiner Heimatstadt.
Durch Haschisch angstfrei geworden, setzte er sich in Porno Kinos, Peepshows und in die Gaststätten der Gegend. Er trank schon mal ein oder zwei Bier, kam zu seinem Erstaunen ins Gespräch mit den anderen Gästen, auch mit Prostituierten. Nie hätte er gedacht, dass diese für ihn geheimnisvollen Wesen sich für ihn interessieren könnten, ja sogar sehr nett zu ihm waren. Er erzählte niemandem von seinen Erlebnissen, er war irgendwie auch stolz auf sich.
Seinen Eltern versicherte er, dass er sich eine neue Schule suchen wolle, auf jeden Fall seinen Realschulabschluss machen wolle, er glaubte auch, es schaffen zu können.
Seine Eltern gaben ihm Geld, wenn er danach fragte, er konnte viele plausible Gründe vorbringen, weshalb er doch recht viel brauchte.
Er rauchte jetzt bereits Haschisch morgens vor dem Frühstück, fühlte ohne diesen „Aufsteh-Joint“ eine unbestimmte Angst aufsteigen. Ein Nebeneffekt war auch, dass er an Gewicht abnahm, und so schlank wie die meisten anderen wurden.
Eines Tages war er wieder auf seiner Tour ins Rotlichtviertel, hatte vorher noch einen Joint geraucht, als er ein Geräusch vernahm, wie ein leises Murmeln mehrerer Stimmen im Nebenzimmer der Gaststätte in der er gerade saß. Nachdem er ein Bier getrunken hatte, war das Gemurmel wieder weg, er dachte, er hätte sich wohl getäuscht.
Abends in seinem Zimmer war es plötzlich wieder da, diesmal waren die Stimmen manchmal sogar etwas zu verstehen. Mehrere Personen unterhielten sich da, soweit er es verstehen konnte auch über ihn. Er dachte zunächst, dass seine Eltern Besuch hätten, er schaute nach, aber da war niemand, auch seine Eltern waren nicht da. Er trank zwei Flaschen Bier aus der Kiste seines Vaters, rauchte wieder einen Joint, die Stimmen waren glücklicherweise weg, er konnte schlafen. Er schlief fast bis mittags, und als er aufwachte, waren die Stimmen schon da, laut und deutlich. Ja, sie sprachen über ihn, sie beschimpften ihn sogar, verurteilten ihn wegen seines sündigen Lebensstils.
In den folgenden Tagen versuchte er durch immer mehr Alkohol, immer mehr Haschisch die Stimmen endgültig in den Griff zu bekommen, diese wurden aber immer deutlicher, er konnte bald auch die Stimmen seiner Eltern identifizieren, die ihm androhten, dass er in die Hölle käme, weil er nicht seine Schule geschafft habe, und sich mit Prostituierten eingelassen habe.
Er ging wütend nach unten, bat seine Eltern die Beschimpfungen zu unterlassen. Als sie dieser dringenden Bitte nicht nachkamen, sondern im Gegenteil die Stimmen noch lauter wurden, griff er nach einem langen Lineal auf dem Schreibtisch seines Vaters und wollte damit auf ihn einschlagen. Dieser wehrte sich, es kam zu einem Handgemenge, einige Gegenstände im Zimmer gingen zu Bruch.
Die Mutter hatte in der Zwischenzeit vom Flur aus die Polizei um Hilfe angerufen, die auch wenige Minuten später erschienen, und den Streit zwischen Vater und Sohn durch ihre Präsenz beendeten. Die Polizisten erkannten offensichtlich die Ursache der Auseinandersetzung, denn einer rief den Psychiater des Gesundheitsamtes an, der nach einer halben Stunde zur Stelle war, sich längere Zeit mit Sven unterhielt, und ihn überreden konnte, sich in ein Krankenhaus einweisen zu lassen.
Er war erst 16 Jahre alt, und kam in ein Krankenhaus für Kinder und Jugendpsychiatrie. Er musste sich mit drei anderen Jungens ein Zimmer teilen, bekam Angst, als er bemerkte, dass die Tür der Station abgeschlossen war. Er hatte noch nie woanders als in seinem Zimmer geschlafen. Von einer jungen Ärztin hörte er zum ersten Mal das Wort „Psychose“, ohne dass er verstand, was es bedeutete. Er sollte Medikamente nehmen, die ihn sehr müde machten. Das Gehen fiel ihm schwer, er lag fast den ganzen Tag auf seinem Bett. Mehrmals die Woche gab es eine Art Unterricht, er verstand fast nichts. Manchmal ging man in der Gruppe spazieren, oder bastelte.
Wenn seine Eltern zu Besuch waren, bat er sie inständig, ihn mit nach Hause zu nehmen. Nachdem sie mit den Ärzten gesprochen hatten, drängten sie ihn aber, noch zu bleiben.
Das Gemurmel und die Stimmen hörte er manchmal noch ganz leise, konnte aber nicht mehr verstehen was sie sagten.
Nach ca. 4 Wochen wurde er entlassen. Sein Zimmer war ihm fremd geworden, auch er hatte sich irgendwie verändert. Er sollte noch Medikamente nehmen, aber weniger als im Krankenhaus.
Innerhalb weniger Tage waren die Stimmen wieder da, laut und deutlich. Wieder verurteilten und beschimpften sie ihn, wieder konnte er auch die Stimmen seiner Eltern erkennen. Er glaubte allmählich, was die Stimmen sagten, dass er ein unmoralisches Leben geführt hatte, und dass er dafür von Gott bestraft werde. Niemals werde er in den Himmel kommen, sondern in der Hölle schmoren. Obwohl er nicht religiös erzogen worden war, zwar getauft, aber wie die Eltern höchstens mal an Weihnachten in die Kirche ging, nie gebetet hatte, oder sich sonst Gedanken über Gott gemacht hatte, war er sich plötzlich sicher, dass dies ein großer Fehler gewesen war und er dafür bestraft würde.
Er wollte seine Eltern nicht beunruhigen, begann heimlich wieder Haschisch zu rauchen, und Alkohol zu trinken, bevorzugt Wodka. Die Stimmen hörten aber nicht auf.
In den folgenden Jahren musste Sven sehr oft stationär behandelt werden, manchmal sogar gegen seinen Willen. Bis 2007 insgesamt 12 mal, er war auch längere Zeit in Tageskliniken und wurde ambulant betreut. Er konnte sich aber nicht entschließen, sein Elternhaus zu verlassen, wie ihm oft geraten wurde, und in ein sog. betreutes Wohnen zu ziehen. Die Stimmen waren viele Jahre sein ständiger Begleiter, mal waren sie laut und bedrohlich, mal leise und erträglich, aber immer zu hören.
Sven dachte oft daran, sich das Leben zu nehmen, um die Stimmen endlich nicht mehr hören zu müssen, die Angst vor der Hölle, in die er seiner Meinung dann sicher käme, hielt ihn davon ab.
Regelmäßig nahm er Drogen, auch Heroin, Alkohol und Beruhigungstabletten vom Schwarzmarkt, um sie ertragen zu können. Haschisch rauchte er allerdings schon seit 1991 nicht mehr. Im Mai 2007 während eines erneuten Krankenhausaufenthaltes, verstummten die Stimmen plötzlich, zum ersten Mal nach über 20 Jahren. Sooft er in den folgenden Wochen auch in sich hinein horchte, sie blieben stumm.
———– Infos zum Wirkstoff THC (Delta-9-Tetra-hydro-Cannabinol) —————-
Haschisch und Marihuana sind Produkte der Pflanze Cannabis sativa, seltener von Cannabis indica. Diese gehören zu den ältesten und vielfältig nutzbaren Kulturpflanzen der Menschheit überhaupt. Bereits 2800 v. Chr. wurden sie in China angebaut. Aus ihnen kann man Papier, Stoffe, und sogar Treibstoffe und Schmiermittel herstellen.
Bereits im 19. verstärkt aber seit Mitte des 20. Jahrhundert wird sie nicht nur in asiatischen Ländern angebaut, sondern in Nord- und Südamerika und auch in Europa.
Eines der bekanntesten Kinderbücher, „Alice im Wunderland“, wurde bereits im 19. Jahrhundert von Lewis Carroll, einem Lehrer für Mathematik für die Tochter seines Rektors geschrieben. Carroll war kleinwüchsig und stotterte Mitleid erregend, was ihn zum Objekt des Spotts für seine Schüler machte. Sein Arzt verschrieb ihm eine Mixtur aus Honig, Kräutern und Cannabisextrakt. Diese besserte seine Gemütslage derart, dass er in kurzer Zeit das Kinderbuch für das von ihm angebetete Mädchen schrieb.
Heute ist Cannabis die weltweit am meisten konsumierte illegale Droge. Über 9 Millionen Bundesbürger haben schon einmal Cannabis probiert, ca. 1,5 Millionen haben ein problematisches Konsumverhalten. 1 % der Bevölkerung sind cannabisabhängig, in Großstädten allerdings schon 3 %., in der Altersgruppe der 18 bis 24 jährigen schon alarmierende 9 %. Das Einstiegsalter sinkt, die Konsummuster werden härter. Es gibt viele 20 bis 24 -jährige, die seit dem 14. Lebensjahr keinen Tag ohne Cannabis verbracht haben. Gerade diese Zeit ist für die Entwicklung der Persönlichkeit von besonderer Bedeutung.
Der Rauch von Haschisch und Marihuana enthält 420 unterschiedliche chemische Substanzen.
Viele von ihnen sind krebserregend, ein Joint ist so kanzerogen (krebserregend) wie fünf Zigaretten.
Ca. 80 Substanzen, sogenannte Cannabinoide, entfalten eine psychische Rauschwirkung.
Das wichtigste Cannabinoid ist das Delta-9-Tetra-hydro-Cannabinol, kurz THC genannt.
Durch spezielle Anbautechniken und Klonen der weiblichen Pflanzen gelang es in den vergangenen 20 Jahren den THC- Gehalt um das 10 bis 20 -fache zu erhöhen. Studien aus den 60er und 70er Jahren zur angeblichen Harmlosigkeit von Cannabis sind daher heute wertlos.
Seit vielen Jahren wird die Frage, ob Cannabis Psychosen wie die Schizophrenie verursachen, oder zumindest auslösen kann, kontrovers diskutiert.
Cannabis ist eine Droge mit schmerzlindernder, stimulierender, Angstreduzierender, und euphorisierender Wirkung. Diese entsteht durch Bindung von THC an speziellen Cannabinoidrezeptoren.
Der Konsum von Cannabis kann aber auch zu akuten schizophrenieähnlichen Psychosen führen, die in der Regel nach dem Ende der Vergiftung wieder abklingen. Dabei kann es zu räumlichen und zeitlichen Verzerrungen kommen, die Sinne werden sensibilisiert, Geräusche, Farben und Berührungen werden intensiver wahrgenommen. Grundlose Heiterkeit mit Lachkrämpfen entsteht. Welche Wirkung Cannabis entfaltet hängt aber entscheidend von der jeweiligen psychischen Verfassung ab.
Die halluzinogene Wirkung entsteht durch Synthese und Freisetzung von Dopamin und durch Hemmung seiner Wiederaufnahme im synaptischen Spalt.
Diese neurobiologische Wirkungsweise legt die Vermutung nahe, Cannabis könne eine Schizophrenie auslösen, oder gar erzeugen, bei der eine erhöhte Dopaminaktivität ebenfalls als neurobiologische Grundlage angenommen wird.
Cannabis und Alkohol, abgesehen von Nikotin, werden von Schizophreniekranken in den westlichen Ländern mit großem Abstand am häufigsten konsumiert. In einer Studie, in der allerdings nur Krankenhauspatienten befragt wurden, hatten 86 % angegeben, schon einmal Cannabis konsumiert zu haben, andere Studien ergaben Prävalenzraten zwischen 20 und 40 %, ähnliche Ergebnisse gab es bezüglich des regelmäßigen Alkohol Konsums.
Umfangreiche Studien an schwedischen und israelischen Rekruten ergaben, dass Patienten mit Cannabismissbrauch bei Ausbruch einer Schizophrenie 8 Jahre jünger, Patienten mit Alkoholmissbrauch 4 Jahre jünger waren als abstinent lebende Patienten. Damit ist die Annahme begründet, dass Cannabis, aber auch in geringerem Maße Alkohol schizophrene Schübe auslösen kann, allerdings auf der Basis einer vorhandenen Vulnerablilität. Viele junge Menschen, die später an Schizophrenie erkranken benutzen Cannabis zur Dämpfung bereits vor dem ersten Krankheitsschub bestehender unangenehmer Empfindungen. Cannabis wird dabei offensichtlich anderen Drogen oder Alkohol vorgezogen.
Eine eindeutige Zunahme von schizophrenen Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung, wie durch den stark zunehmenden Cannabiskonsum zu erwarten wäre, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
Der Verlauf einer schizophrenen Erkrankung wird durch den Konsum von Cannabis ungünstig beeinflusst. Rückfälle in psychotische Zustände sind häufiger und passieren früher.
Allerdings benutzen einige von Schizophrenie Betroffene, Cannabis, um die verminderte Erlebnisfähigkeit, das unangenehme Gefühl von Abstumpfung und Gleichgültigkeit, auch Negativ-Symptomatik genannt, zu reduzieren. Sie nehmen dafür eine Zunahme der offensichtlich weniger belastenden positiven Symptome in Kauf.
In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Studien zum medizinischen Nutzen von Cannabinoiden erschienen. Einige zeigten gute schmerzlindernde, appetitanregende und muskelentspannende Wirkung, allerdings mit erheblichen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel und eben auch psychotische Zustände.
Eine Substanz mit der Bezeichnung Dronabinol ist in den USA als Antiemetikum und zur Stimulierung des Appetits bei AIDS Patienten zugelassen. Es kann zwar über deutsche Apotheken bestellt werden, eine Leistungspflicht der Krankenkassen besteht nicht.
Erschienen im „BRÜCKENSCHLAG“, Zeitschrift für Sozialpsychiatrie – Literatur – Kunst
Band 24 – 2008
Hans-Georg Hoffmann, Fachambulanz-Kiel
